

Eine Art postmoderne Urhorde versammelt sich um ein (falsches) Lagerfeuer. Das Lagerfeuer ist der Ort des Storytellers, ein Ort, an welchem sich Kulturen mit mündlicher Überlieferungstradition ihre Erinnerungen als Geschichten weitererzählen und somit erhalten. Doch die Geschichten haben im Spätkapitalismus ausgedient: Am Lagerfeuer in «Mehr Geld» als Zentrum kultischer Geldverehrung werden keine Geschichten mehr erzählt, sondern höchstens noch Supermarktaktionen aufgezählt – der Text der Überlieferung wird abgelöst durch schiere Zahlenmassen aus der Geldwirtschaftswelt.
KLARA begibt sich zusammen mit dem von Barbara Mundel geleiteten luzernertheater (und mit einem Ensemble, das sich aus SpielerInnen aus beiden Häusern zusammensetzt) auf die globalisierte Jagd nach mehr Gewinn. Und dies nicht als stringente Geschichte, sondern als assoziatives Survival Camp. Gespielt wird folgerichtig im Konferenzraum des Grand Casino Luzern – einem Ort für Glücksritter mit der Hoffnung auf Maximalausschüttung, wie auch für Touristen auf der Suche nach echter (inszenierter) Folklore beim Fondueplausch im eingebauten Chalet.
Der Mehrwert, das Abschöpfbare in allen erdenklichen Aggregatszuständen ist der Motor des Abends – ob echt oder unecht. Geld und Zahlen sind Totem und Tabu zugleich: Da dürfen Körperteile gegen Bezahlung angefasst werden, werden Familienbeziehungen in Zahlen umgerechnet und die Finanzierung von Spenderorganen erbettelt. Über die eigene Schau-spielergage wird natürlich ebenso geredet – wenn auch verschlüsselt. Die Videokamera ist zwecks medialer Aufbereitung permanent mit von der Partie. Wenn es vor lauter Leerlauf mal nicht weitergeht, kann immer noch das (echte) Panorama vor dem Fenster betrachtet werden – ein Panorama wohlbemerkt, welches durch die 6000-jährige afrikanische (Kontinentalplatten)-Entwicklungshilfe entstanden ist. Die Globalisierung sitzt zwinkernd auf dem sich tourismuskompatibel rötenden Alpenfirn: «Step along in the morning red / I see you in a sea of shine / You, you high elevated glory.»
1999. Ein Stück von KLARA. Eine Produktion des luzernertheater.
Mit: Silvia Buonvicini, Matthias Buss, Jo Dunkel, Philippe Nauer, Helga Pedross, Julia Schmidt, Anja Schweitzer, Dominique Rust, Michael Wolf
Regie: Christoph Frick
Musik: Knut Jensen
Raum / Kostüme: Muriel Gerstner
Dramaturgie: Ann-Marie Arioli
Licht: Gérard Cleven
Regieassistenz: Sabine Rufener
Ausstattungsassistenz: Viva Schudt
Technische Leitung: Peter Klemm
Technik: Ronald Bumann, Michel Jann
Training: Wolfgang Graf
Fotos: Stefan Banz
Uraufführung: 11. 10. 99, Grand Casino Luzern





